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Mitleiden und Mitlachen –

Persischer Abend mit Mehrnousch Zaeri-Esfahani im Sancta


Zu einem persischen Abend mit Lesung der iranisch-stämmigen Autorin Mehrnousch Zaeri-Esfahani hatte am Dienstag die Fachschule Sancta Maria eingeladen. „33 Bogen und ein Teehaus“ heißt der autobiografische Erzählband. 33 Bogen und ein Teehaus – das ist nicht nur der Titel eines alles andere als fiktiven Romans. Die berühmte Bücke mit 33 Bogen und dem Teehaus sind Zaeri-Esfahanis schönste Erinnerungen an ihre Heimatstadt Isfahan, die sie im Alter von 10 Jahren Hals über Kopf verlassen musste. Mit ihren packenden, aber immer auch ein wenig spitzbübisch vorgetragenen Erzählungen zeichnet sie nachträglich die Geschichte eines Kindes auf, das sich täglich aufs Neue über die Unwägbarkeiten und Kuriositäten eines Lebens auf der Flucht wundert. Nach einem teuer erkauften „Urlaub“ in der Türkei landet die sechsköpfige Familie – neben Mehrnousch und ihren Eltern gehören dazu zwei ältere Brüder und ihre jüngere Schwester – auf fast mysteriöse Weise nach zehn Monaten über die DDR im damaligen West-Berlin.

Tagtäglich entfliehen die vier Kinder der miefigen Enge der Flüchtlingsunterkünfte und entdecken ein Paradies – das märchenhafte Kaufhaus des Westens (KaDeWe). Liebevoll packt Mehrnousch Zaeri-Efahani während dieser Erzählung zwei seit mehr als 30 Jahren gehütete Schätze aus, die sie und ihr Bruder sich von einem auf der Straße gefundenen 2 DM Stück dort gekauft haben: einen roten und einen grünen Schlumpf, für die beiden Kinder damals der Inbegriff der kindlichen Seligkeit, für die Eltern und deren Freunde der Höhepunkt kindlicher Naivität.

Andächtig werden diese so wertvollen Erinnerungsstücke an Zaeri-Esfahanis erste Zeit in Deutschland durch den Saal weitergegeben. Die studierte Sozialpädagogin berührt mit der lockeren Unbekümmertheit ihres Vortrags. Nur ab und an blitzt der Ernst der Lage durch, etwa wenn sie von ihrer Ankunft am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin erzählt: Weihnachten 1985, am 25. Dezember, die Stadt ist eiskalt und fast menschenleer, und der Berliner Taxifahrer weigert sich vehement, die sechsköpfige Familie samt Gepäck in einem einzigen Fahrzeug zu transportieren.

Doch gerade diese unbekümmerte Lebensfreude, die Neugier auf das Leben und die Kunst, sich Belastendes von der Seele schreiben zu können, öffneten den hingerissenen Zuhörern in der voll besetzten Aula „des Sancta“ den Blick für das, was Flucht, was Unterwegssein, Dazugehörenwollen, Integration und zu guter Letzt das Gefühl des Angekommenseins wirklich bedeuten.

Durch den menschlich individualisierten Blick auf ein Schicksal sind die Bücher von Mehrnousch Zaeri-Esfahani auch eine Aufforderung zur Begegnung, und zwar außerhalb der Literatur, von Angesicht zu Angesicht. Das gelingt am Dienstagabend in Sancta Maria. Die Besucher sind nicht nur Zuhörer, sondern zugleich Fragende, Miterlebende, Mitleidende und Mitlachende. Und die Leckereien auf den liebevoll dekorierten Tischen tun ein Übriges, um den märchenhaften Zauber der Geschichten noch lange nachwirken zu lassen.

 

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